ThyssenKrupp: Erst Brandbrief an Gather, dann Rücktritt von Lehner

Ulrich Lehner

Seit dem Rücktritt von Heinrich Hiesinger überschlagen sich bei ThyssenKrupp die Ereignisse. Vorläufiger Höhepunkt: Am Montag erklärte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner seinen Rücktritt zum 31. Juli. “Ich gehe diesen Schritt bewusst, um eine grundsätzliche Diskussion bei unseren Aktionären über die Zukunft von Thyssen-Krupp zu ermöglichen“, sagte Lehner. Sein Schritt werde hoffentlich das Bewusstsein bei allen Beteiligten dafür schärfen, „dass eine Zerschlagung des Unternehmens und der damit verbundene Verlust von vielen Arbeitsplätzen keine Option darstellt – weder im Sinne des Stifters noch im Sinne unseres Landes“.

Hat die Krupp-Stiftung bei ihrem Kernauftrag versagt?

Schon im Vorfeld des Rücktritts war die Kritik an Ursula Gather lauter geworden, die für die Krupp-Stiftung im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt (siehe dazu auch unseren Kommentar aus der vergangenen Woche). Laut Handelsblatt hatten die Mitarbeiter der Stiftungsvorsitzenden vorige Woche einen Brandbrief geschrieben, in dem sie die 65-Jährige für Hiesingers Abgang verantwortlich machen: Die Belegschaft sei „wütend, weil Sie persönlich den Mann, den Berthold Beitz zur Rettung unseres Unternehmens geholt hat, nicht so unterstützt haben, wie er es verdient gehabt hätte“. Die Stiftung habe „in ihrem Kernauftrag, das Erbe von Alfried Krupp zu bewahren, versagt“.

„Universität und Unternehmen sind eben zwei Welten“

Gather reagierte umgehend: Nach einer Sitzung des zehnköpfigen Stiftungskuratoriums, dem auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet angehört, bekannte sich das Gremium am vergangenen Freitag zur Einheit des Konzerns – konnte Ulrich Lehner dadurch aber nicht mehr umstimmen. Nach Angaben von Gather-Vertrauten beruht der Eindruck, Gather habe nicht voll hinter Lehner und Hiesinger gestanden,  allerdings auf einem Missverständnis. Die Rektorin der TU Dortmund „habe die Stahlfusion so gründlich hinterfragt, wie sie es aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit gewohnt ist“, zitiert das Handelsblatt eine Person aus ihrem Umfeld. „Doch Universität und Unternehmen sind eben zwei Welten.“ Damit scheint sich gerächt zu haben, was Corporate-Governance-Experte Christian Strenger bereits auf der Hauptversammlung kritisiert hatte: Gathers mangelnde Erfahrung in der Wirtschaft.